Oranje-Fieber in Rotterdam: Kunstturn-WM begeistert die Massen

Eine volle Halle, frenetische Fans und eine Begeisterung, die weit über den Sport hinausgeht: Bei der Kunstturn-Weltmeisterschaft in Rotterdam zeigt sich schon während der Qualifikation, welchen Stellenwert das Turnen in den Niederlanden genießt. Zum dritten Mal nach 1987 und 2010 ist die Hafenstadt Gastgeber einer Weltmeisterschaft. Die Oranje-Fans verwandeln die Ahoy Arena dabei in einen Hexenkessel und feiern einen Sport, der in ihrem Land große Idole hervorgebracht hat.

Ob auf den Fußballtribünen, an den Formel-1-Strecken dieser Welt oder beim Darts: Wo niederländische Sportfans auftauchen, sind orangene Fahnenmeere, ausgelassene Stimmung und lautstarke Unterstützung meist nicht weit. Beim Saisonhöhepunkt der Kunstturner*innen in Rotterdam ist das keinesfalls anders. Schon am ersten Wochenende präsentiert sich die über 8.000 Fans fassende Ahoy Arena bestens gefüllt. Mehrere Final-Sessions sind seit Monaten restlos ausverkauft.
Die Begeisterung kommt nicht von ungefähr. Turnen hat in den Niederlanden eine lange Tradition und ist tief im Vereinssport verwurzelt. Rund 230.000 Menschen waren 2025 im nationalen Turnverband organisiert, bei Mädchen bis 18 Jahre gilt dieser als mitgliederstärkster Sportverband des Landes. Dass die Begeisterung weit über die Vereine hinausreicht, zeigt sich dieser Tage einmal mehr in Rotterdam.

Eine Hafenstadt mit reichlich Turngeschichte

Dass Rotterdam ein gutes Pflaster für den internationalen Turnsport ist, hat die Stadt längst bewiesen. Bereits 1987 und 2010 fanden hier Weltmeisterschaften statt. 16 Jahre nach der letzten Ausgabe kehrt die Weltelite nun erneut in die niederländische Hafenmetropole zurück.
Einer, der weiß, welche Wirkung eine Heim-WM entfalten kann, ist Epke Zonderland. Der ehemalige Reck-Spezialist gewann 2010 in Rotterdam WM-Silber, ehe er zwei Jahre später bei den Olympischen Spielen in London Gold eroberte. Drei Weltmeistertitel kamen im Laufe seiner Karriere hinzu. Als „Flying Dutchman“ begeisterte er ein ganzes Land und wurde zum Gesicht des niederländischen Kunstturnens. Heute ist der mittlerweile 40-Jährige als Turnierdirektor für die WM in Rotterdam mitverantwortlich.
„2010 stand die gesamte Halle hinter mir. Das war etwas ganz Besonderes. Dieses Erlebnis wünsche ich den Athletinnen und Athleten auch heuer. Es war fantastisch“, erinnert sich Zonderland. Der frühere Olympiasieger weiß, welche Faszination der Turnsport vor Ort entfalten kann: „Turnen live zu erleben, ist etwas völlig anderes, als es auf einem Bildschirm zu verfolgen.“

Olympische Helden als Vorbilder

Zonderland ist allerdings nicht der einzige niederländische Turnsuperstar der jüngeren Vergangenheit. Vier Jahre nach seinem Olympiasieg sorgte Sanne Wevers 2016 in Rio de Janeiro für den nächsten historischen Moment im Zeichen der fünf Ringe. Mit Gold am Schwebebalken gewann sie als erste Niederländerin eine olympische Einzelmedaille im Kunstturnen. Zehn Jahre später gehört die inzwischen 35-Jährige noch immer zur Spitze und steht auch bei der Heim-WM im Aufgebot.
Längst hat sich auch die nächste Generation international etabliert. Naomi Visser belegte bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris Rang zehn im Mehrkampf, Sanna Veerman verpasste bei der EM 2026 in Zagreb als Stufenbarren-Vierte eine Medaille hauchdünn. Auch bei den Männern gibt es Grund zur Hoffnung: Casimir Schmidt erreichte in Paris Rang 13 im olympischen Mehrkampf und damit die bis dahin beste Platzierung eines Niederländers in dieser Disziplin. Nun wollen die heimischen Hoffnungsträger*innen vor den frenetischen Oranje-Fans für weitere Erfolgsmomente sorgen.

Begeisterung, die bleibt

Wie nachhaltig eine Heim-WM wirken kann, zeigt ein Blick zurück ins Jahr 2010. Damals saß die achtjährige Sanna Veerman noch selbst auf der Tribüne und bestaunte die internationale Turnelite. 16 Jahre später gehört sie bei der dritten Rotterdamer Weltmeisterschaft zum niederländischen Nationalteam. Aus einem begeisterten Kind wurde eine Spitzensportlerin, die nun selbst vor Tausenden Fans ihre Übungen präsentiert.

Genau solche Geschichten wollen die Veranstalter mit der WM 2026 ermöglichen. Die Begeisterung soll nicht an den Ausgängen der Ahoy Arena enden, sondern ihren Weg in die Turnvereine, Schulen und Familien finden. Dass der Funke in Rotterdam bereits übergesprungen ist, lässt sich jedenfalls nicht überhören. Das Oranje-Fieber hat die Halle fest im Griff.

 

Text- und Bildquelle: Turnsport Austria | Rotterdam 2026

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