Jürgen Melzer und Andreas Herzog im Talk über die Fußball-WM und den Davis Cup Österreich – Belgien.
Als Spieler haben sie Österreich einst auf den größten Bühnen vertreten: Jürgen Melzer im Davis Cup gegen die besten Tennisnationen der Welt, Fußballlegende Andreas Herzog – selbst leidenschaftlich Hobbytennisspieler – das ÖFB-Team bei Weltmeisterschaften und Europameisterschaften. Beim Doppelinterview im ÖTV-Leistungszentrum Südstadt sprechen die zwei heimischen Sportgrößen über Gänsehautmomente im Nationaldress, die besondere Kraft von Heimspielen und darüber, was die Davis-Cup-Partie Österreich – Belgien am 18./19. September am WAC-Areal in Wien so bedeutend macht.
Andi, wo warst du, als Österreichs Qualifikation für die Fußball-WM feststand?
Herzog: Ich bin hinter Werner Gregoritsch gesessen. Jetzt musst du dir vorstellen: Der Sohn schießt eines der wichtigsten Tore der letzten Jahrzehnte und der Vater sitzt im Happelstadion einen Sitz vor dir. Der ist aufgesprungen und die haben sich gefreut, das kannst du dir nicht vorstellen. Ein paar Minuten später ist er mit einem Riesentablett Bier zurückgekommen. Schöner, intensiver, emotionaler hätte es nicht ablaufen können.
Was bedeutet es für ein Land wie Österreich, sich für eine Fußball-WM zu qualifizieren?
Herzog: Das letzte Mal ist 28 Jahre her. Das war jetzt schon wieder mal wichtig. Diese Generation ist wirklich sehr stark. Und EM-Teilnahmen hin oder her: Eine WM ist schon etwas ganz Spezielles, ein absolutes Highlight. Ich gehe davon aus, dass wir dort auch eine gute Rolle spielen werden.
Jürgen, inwieweit lassen sich Qualifikationen für die Fußball-WM und Davis Cup Final 8 sportlich miteinander vergleichen? Was erscheint dir schwieriger?
Melzer: Schwer zu sagen. Einerseits spielen mittlerweile schon sehr, sehr viele Mannschaften bei einer Fußball-WM mit.
Herzog: 48. Das ist kein Final 8, sondern ein Final 48. (lacht)
Melzer: Andererseits ist Fußball die absolute Weltsportart. Für ein kleines Tennisland wie Österreich, das in den letzten Jahren seit Dominic Thiem über keinen Top-Ten-Spieler verfügt hat, ist es jedenfalls eine Riesenleistung, sich für die letzten Acht zu qualifizieren. Was sich jetzt höher einreiht, ist Geschmackssache.
Wenn ihr ans Nationaltrikot denkt: Welches Gefühl kommt euch als Erstes in den Sinn?
Herzog: Der Kindheitstraum war immer, in der Nationalmannschaft zu spielen. Mir ist es dann 103 Mal gelungen. Das war natürlich irgendwann eine Art Routine, aber trotzdem eine Routine, auf die du dich immer wieder gefreut hast. Wenn dann die Bundeshymne vor dem Spiel abgespielt wird, das ist schon was ganz Besonderes. Und dann 1990 bei einer WM aufzulaufen, mit 21 Jahren, im Eröffnungsspiel Italien – Österreich in Rom, da geht nicht viel drüber. Das wird bei dir mit 78 Einsätzen relativ ähnlich sein.
Melzer: Ja, das stimmt. Als ich angefangen habe, hat es diese Nationaltrikots noch nicht gegeben. Für mich war mein Kindheitstraum der Trainingsanzug mit „Österreich“ hinten drauf und Adler auf der Brust. Ich bin auch so erzogen worden, dass nichts drüber geht, im Nationalteam zu spielen. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich darüber rede. Ich war damals 18, als ich zum ersten Mal im Davis Cup spielen durfte, nur im Doppel. Da die Hymne zu hören, mitzufiebern und Titelverteidiger Schweden zu schlagen, war für mich als Einstand unglaublich. Aber selbst beim letzten und 78. Einsatz war es genauso besonders, diesen Trainingsanzug zu tragen.
Gibt es einen Moment, wo ihr verstanden habt, was es wirklich bedeutet, für Österreich zu spielen?
Herzog: Für mich war ein Augenöffner-Spiel Österreich – DDR 1989, als Toni Polster in der gesamten WM-Qualifikation ausgepfiffen worden ist, beim Entscheidungsspiel vor 60.000 Leuten schon beim Aufwärmen. Ich habe mir gedacht: Wenn das mir zu dem Zeitpunkt passiert wäre, ich wäre wohl heimgerannt, ich hätte nicht spielen können. Der Toni hat die drei Tore geschossen. Aus der Situation habe ich für meine Zukunft viel lernen können. Drei Tore hätte ich auch gerne einmal geschossen. So ausschauen wie der Toni würde ich nicht wollen, aber die Tore hätte ich schon gern genommen. (lächelt)
Melzer: Für mich war es Österreich – USA 1990, wo Tom (Thomas Muster; Anmerkung) mit Agassi und Chang zwei Top-Ten-Spieler aus dem Praterstadion geräumt hat, vor damals Rekordkulisse. Du hast bei ihm gemerkt: Es gibt kein links, kein rechts, der ist da einfach drübergefahren. Da war ich neun Jahre alt. Das hat mich geprägt und es in mir geweckt, dass ich das auch will, ich mich diesem Druck irgendwann stellen will. Es war einfach was, wo du als Kind und als Zuschauer diese Euphorie voll mitbekommen hast. Und wenn du da nicht als kleiner Tennisspieler auf den Zug aufspringst, wirst du den Zug nie erwischen. Dann ist er fort.
Was machen Ereignisse wie eine Fußball-WM oder ein Davis-Cup-Finalturnier mit den Sportfans im Land? Inwieweit spürt man, dass ganz Österreich mit einem mitfiebert?
Herzog: Das merkt man schon bei uns im Fußball. Ganz extrem, als wir uns für die WM qualifiziert haben. Da sind meist schon davor die ganzen Test- und Freundschaftsspiele ausverkauft und das ganze Land fiebert dem ersten WM-Spiel entgegen. Das spürst du als Trainer, das spürst du vor allem als Spieler, die ganze mediale Aufmerksamkeit ist ja noch viel größer. Wenn dein Land und du selbst beim größten Event involviert sind, das es in dem Sport gibt, da gibt es einfach nichts Schöneres.
Melzer: Es ist bei uns ähnlich. Ich glaube, dass wir vor allem mit diesem überraschenden Sieg gegen Ungarn letztes Jahr schon eine gewisse Euphorie ausgelöst haben. Allein die Nachrichten, die du von Leuten bekommst, die vielleicht nicht so im Tennis drinnen sind, oder wenn du im Supermarkt stehst und dich wer darauf anspricht, da merkst du schon, dass die Leute mit drin sind. Und ich sage immer: Das ist eine Weltsportart, wir sind ein kleines Land und zählen zu den besten acht Nationen. Das passiert nicht so schnell und nicht aus dem Nichts heraus. Das haben wir uns über die letzten Jahre erarbeitet, dass wir ein super Teamgefühl zusammengebracht haben, alle mitgezogen haben, jeder gerne spielt, und dann kannst du sowas auch entfachen.
Gibt es viel Größeres als vor heimischem Publikum in Wien um den Einzug ins Finalturnier zu spielen?
Melzer: Nein. Ich glaube, für die aktuelle Generation, die gegen Belgien antritt, ist es DAS Spiel. Ich hoffe mal, dass wir vor ausverkauftem Haus spielen werden, und dann, glaube ich, werden die Jungs ein Tenniswochenende erleben, das sie so in ihren Karrieren noch nicht gehabt haben.
Wie stehen die Chancen?
Melzer: Wir gehen natürlich als Außenseiter in die Partie, was es vielleicht ein bisschen einfacher macht. Trotzdem willst du natürlich was zeigen und wieder nach Bologna.
Andi, wie sehr verfolgst du Österreichs Erfolge im Davis Cup heutzutage?
Herzog: Wenn ich nicht zu viel unterwegs bin, schaue ich so viel Sport wie möglich. Und das letztes Jahr war schon eine coole Geschichte. Da zittert man natürlich mit.
Wird man dich im September bei Österreich – Belgien als Zuschauer am WAC sehen?
Melzer: Nein, er wird einberufen, als Trainingspartner. (lacht)
Herzog: Ich hoffe, dass ich da bin. Ich glaube schon.
Melzer: Wir werden ihn einladen. (lächelt)
Wenn du österreichischen Sportfans erklären müsstest, warum sie zuschauen kommen sollten: Was würdest du sagen? Warum sollte man sich das nicht entgehen lassen?
Herzog: Es ist eine Riesenmöglichkeit, das Team wieder unter die letzten Acht zu hieven. Jeder weiß, dass es nicht einfach wird. Umso wichtiger ist es, dass die Hütte voll ist und Österreichs Spieler total unterstützt werden, sodass sie in den schwierigen Phasen ein bisschen lockerer sind. Und was gibt es Schöneres als nachher miteinander zu feiern, wenn wir wieder gewonnen haben und wieder unter den letzten Acht stehen?
Rechnest du mit einer Nominierung durch Jürgen?
Herzog: Na ja, er hat mich jetzt schon ein paar Mal gesehen. Die Vorhand ist schon richtig gut. Aber ich glaube, dass er mit meiner Rückhand ein bisschen Probleme hätte. Weil wenn ich da am WAC-Platz draufhaue, kann es schon sein, dass der Ball dann irgendwann einmal auf der A4 runterkommt. (lacht) Da habe ich schon noch schöne Streuungen drinnen. Körperlich bin ich natürlich topfit. (Gelächter)
Im ÖFB-Team ist durch die Verletzung von Christoph Baumgartner ein Platz frei. Wäre das was für dich, Jürgen?
Melzer: Es wäre meine Position, das stimmt. (lächelt) Aber realistischerweise schaffe ich es körperlich nimmer, der Fuß wäre da. Spaß beiseite: Die Fußstapfen sind groß, die man da füllen muss. Wer auch immer dann auf dieser Position spielt: Ich werde es nicht sein.
Wer hätte denn die größeren Karriereaussichten gehabt: Du, Andi, als Tennisspieler oder Jürgen als Fußballspieler?
Herzog: Ich glaube, er als Fußballspieler. Schon von der Grundtechnik her schaut das richtig elegant aus. Das einzige Problem ist, dass er der falschen Farbe angehört. (lächelt) Aber das passt auch gut dazu, weil die Austria-Schule ist ja schon über die Technik aufgebaut, und das schaut schon richtig gut aus. Wobei ich ja eine Zeit lang schon in der Südstadt trainiert habe, und die haben klar zu mir gesagt, ich bin der beste Linkshänder, der in der Südstadt je gespielt hat. Kannst du das irgendwie bestätigen?
Melzer: Ich sage jetzt nichts Falsches. Ich mache es diplomatisch: Für einen Nicht-Tennisprofi hast du sicher die beste linke Klebe. Den gebe ich dir.
Herzog: Mit dem bin ich schon zufrieden. Das ist schon etwas für das Ego. Jetzt fange ich wieder an. Nach der WM bin ich wieder auf dem Platz.
Was muss passieren, damit wir die zwei Großereignisse mit erhobenem Kopf verlassen?
Herzog: Bei der WM, glaube ich, wenn man in die K.o.-Phase kommen sollte. Dann ist es davon abhängig, wer der Gegner ist. Wenn du Zweiter wirst, was in unserer Gruppe ein gutes Resultat wäre, und du kriegst Spanien, kann es schon mal schnell vorbei sein. In Österreich nützt es leider nichts, wenn man sich sagen kann: Wir haben eigentlich eh ganz gut gespielt, aber leider sind wir ausgeschieden.
Melzer: Auch im Davis Cup gegen Belgien ist mitspielen zwar super. Und klar sind wir Außenseiter. Aber die ganz klare Einstellung für die Woche ist für mich und mein Team: Wir wollen da gewinnen.
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Text- und Bildquelle: Österreichischer Tennisverband






