Als Lara van Dyck Anfang des Jahres die Verantwortung für Österreichs Kunstturnerinnen übernahm, brachte die Belgierin nicht nur einen beeindruckenden internationalen Leistungsausweis mit, sondern auch eine klare Vision. Nach rund sieben Monaten intensiver Aufbauarbeit folgt nun die erste große Standortbestimmung: Bei der am Donnerstag beginnenden Europameisterschaft in Zagreb betreut van Dyck erstmals Österreichs beste Turnerinnen bei einem internationalen Großereignis.
Die Vorbereitung verlief abgesehen des Rückschlags um die Verletzung von Selina Kickinger durchaus vielversprechend. Seit mehreren Wochen trainiert das gesamte EM-Aufgebot gemeinsam in Linz. „Ich bin wirklich glücklich damit, wie sich das Team entwickelt und wie unser Programm funktioniert“, sagt van Dyck.
Dementsprechend ambitioniert reist die Belgierin mit ihren Athletinnen in Kroatiens Hauptstadt. „Natürlich ist es sehr bitter, dass Selina nicht dabei ist. Aber wenn der Wettkampf beginnt, kann alles passieren. Ich glaube an mein Team“, sagt van Dyck. „Ich will Österreich unter die Top 13 in Europa bringen.“ Dies wäre gleichbedeutend mit der Mannschafts-Qualifikation für die WM im Oktober.
Mörz‘ Wandel unter van Dyck
Dank ihrer langjährigen Erfahrung – van Dyck arbeitete u.a. mit Olymiasiegerin Nina Derwael zusammen – weiß sie genau, worauf es in Zagreb ankommen wird. „Eine Europameisterschaft ist etwas völlig anderes als ein Training. Ich hoffe, dass meine Erfahrung den Athletinnen die nötige Ruhe gibt.“
Die größten Hoffnungen ruhen freilich auf Charlize Mörz. Die Burgenländerin, die im vergangenen Jahr als erste Österreicherin in ein WM-Finale geturnt war, entwickelte sich unter van Dyck vielseitig weiter. „Charlize hat in den vergangenen Monaten einen großen Schritt gemacht. Sie glaubt nun selbst daran, wie gut sie ist und kann auch unter Druck performen. Ich freue mich darauf zu sehen, was sie bei dieser EM alles erreichen kann“, erklärt van Dyck.
Die Zusammenarbeit mit van Dyck scheint Mörz sichtlich zu beflügeln. Das bestätigten zuletzt auch die jüngsten Wettkampf- und Trainingsleistungen. „Wir arbeiten wirklich an den Feinheiten, damit alles noch sauberer wird“, sagt Mörz. „Lara schenkt mir sehr viel Vertrauen und ich spüre, dass sie an mich glaubt. Dadurch traue ich mir im Training und im Wettkampf deutlich mehr zu.“
Stetiger Blick nach vorne
Kurz vor ihrer „ersten großen Prüfung“ (van Dyck) musste die Nationaltrainerin allerdings einen herben Rückschlag verkraften. Der Ausfall von Kickinger war für sie anfangs ein Schock. „Ich dachte mir: Das kann ja nicht wahr sein. Aber wir können es nicht ändern. Selina wird stärker zurückkommen.“ Es wäre nicht sinnvoll gewesen, mit dem lädierten Knöchel ein unnötiges Risiko einzugehen, denn „wir haben immer das große Ziel Los Angeles im Hinterkopf“, so van Dyck.
Trotz des Ausfalls von Kickinger sei das Team immer noch „stark besetzt und sicherlich konkurrenzfähig“. Besonders Youngster Leni Bohle traut die Nationaltrainerin bei ihrer vierten EM einiges zu. „Leni war den gesamten Qualifikationsprozess über unglaublich konstant. Wir wissen genau, was wir von ihr erwarten können. Diese Stabilität und Ruhe sind für das ganze Team enorm wichtig.“
Auch Bianca Frysak soll mit ihrer Routine wichtige Akzente setzen. „Bianca bringt viel Erfahrung mit, sie hat sich in den vergangenen Wochen gut präsentiert, auch ihr traue ich viel zu“, so van Dyck. Komplettiert wird das Team von Rosa Schwaninger und Katrin Palicka. „Beide werden in Zagreb sicherlich reichlich Erfahrungen sammeln, die für die weitere Karriere extrem wertvoll sein können. Sportlich sind sie jedenfalls gerüstet.“
Handschrift klar erkennbar
Dass van Dycks Handschrift bereits nach einem halben Jahr deutlich erkennbar ist, bestätigen auch ihre Turnerinnen. Die studierte Sportwissenschaftlerin setzt auf Eigenverantwortung, offenen Austausch und akribische Detailarbeit. Statt ausschließlich Anweisungen zu geben, bindet sie ihre Athletinnen aktiv in den Entwicklungsprozess ein. „Wir arbeiten als Team zusammen und nicht nur nach dem Prinzip, dass ich einfach Anweisungen bekomme“, beschreibt Mörz die Zusammenarbeit.
Van Dyck selbst zieht ebenfalls eine positive Zwischenbilanz: „Wir lernen uns immer besser kennen und wachsen als Team zusammen. Ich genieße meine Arbeit hier jeden Tag und bin sehr glücklich in Österreich.“ Die Europameisterschaft bildet nun die erste große Bewährungsprobe dieses gemeinsamen Weges.
Text- und Bildquelle: Turnsport Austria






