Mehr als 300 Tage sind vergangen, seit Selina Kickinger ihren letzten Wettkampf auf internationaler Bühne absolviert hat. Nach dem damaligen Gewinn von Bronze bei der Universiade in Essen ahnte die 24-Jährige noch nicht, dass die kommenden Monate die bisher schwierigsten ihrer Karriere werden sollten. Immer wieder auftretende Schmerzen, eine komplizierte Schulteroperation und ein intensiver Rehaprozess später feiert Kickinger am kommenden Wochenende beim Weltcup in Koper (SLO) ihr lang ersehntes Comeback.
„Ich freue mich riesig, endlich wieder diese ganz spezielle Wettkampfatmosphäre spüren zu dürfen. Ich habe es unglaublich vermisst und ich werde es auf alle Fälle genießen“, blickt Kickinger voraus. Ab Freitag wird die Niederösterreicherin in Koper am Balken und Boden turnen. Am Sprung und Stufenbarren brauche die Schulter noch Zeit, um wieder die volle Belastung auszuhalten.
Der Weltcup in Koper soll demnach als erste Standortbestimmung dienen, wie Kickinger erklärt: “Ich bin noch nicht ganz bei 100 Prozent. Es geht jetzt nicht darum, sofort perfekt zu sein. Ich will mich langsam herantasten und weitgehend schmerzfrei sein. Das ist das Wichtigste.“
Operation mit Weitblick
Die Probleme mit der Schulter begleiteten Kickinger nicht erst seit vergangenem Sommer. Mit einem Weitblick auf die sportliche Zukunft – auch bis nach Los Angeles – entschied sich die Niederösterreicherin im Herbst für eine Operation. Wohlwissend, dadurch auch die WM in Jakarta zu verpassen. Bei dem umfassenden Eingriff wurden eine Labrumverletzung sowie Schäden an der Bizeps- und Supraspinatussehne behandelt. „Es war jedenfalls keine minimale Verletzung“, erklärt die zweifache Weltcup-Medaillengewinnerin.
Rückblickend sei der Eingriff der absolut richtige Schritt gewesen, auch wenn anschließend „eine sehr schwierige Zeit“ folgte. Viel Grübelei und Zweifel bestimmten zunächst ihre täglichen Gedanken, ehe sie daraus mentale Stärke formte. „Comeback Stronger“ sei offenbar mehr als eine Floskel: „An dieser alten Weisheit dürfte wohl etwas dran sein. Ich habe in der Zeit der Verletzung viel gelernt und mich gerade im Kopf nochmals weiterentwickelt.“
Start am Balken und Boden
Der Weg zurück auf die Wettkampfbühne erfolgte dann Schritt für Schritt. Statt hoher Trainingsumfänge standen zunächst kontrollierte Belastung, Qualität und intensive Physiotherapie im Mittelpunkt. „Jeder Versuch zählt, keine unnötige Belastung“, beschreibt Kickinger ihren Aufbau. Komplett schmerzfrei sei sie zwar noch nicht, dennoch merke sie Woche für Woche Fortschritte. „Ich habe mittlerweile eigentlich fast alle meine turnerischen Elemente wieder zurück. Es wird stetig besser.”
Eine wichtige Rolle in ihrem Comeback-Prozess spielt Neo-Nationaltrainerin Lara van Dyck. Die Zusammenarbeit mit der Belgierin funktioniere ausgezeichnet, betont Kickinger: „Lara bringt unglaublich viel Expertise mit und hat mir gerade in den ersten Monaten extrem geholfen.“ Die Nationaltrainerin sieht Kickinger auf einem guten Weg, bei dem Geduld gefragt sei. „Wir tasten uns gemeinsam Stück für Stück an die alte Stärke heran. Ich merke, dass es ihr immer besser geht, sie macht viele Fortschritte und kann sehr stolz sein“, meint van Dyck.
Olympia 2028 als “großes Karriereziel”
Die Erkenntnisse aus Koper werden auch den weiteren Saisonverlauf von Kickinger bestimmen. Mit den Staatsmeisterschaften Anfang Juni sowie der EM im August und der WM im Oktober stehen noch zahlreiche Highlights bevor. „Es ist aktuell noch schwer abzuschätzen, wie, was, wann und wo ich turne. Es ist aktuell viel wichtiger, wieder gesund und stabil in den internationalen Wettkampfrhythmus zurückzufinden. Ich muss jetzt nicht gleich alles niederreißen“, verrät Kickinger. Die EM und die WM seien dennoch „große Ziele“, wenngleich 2027 für das „große Karriereziel“ schlagender wird.
Im kommenden Jahr rückt die Olympia-Qualifikation für Los Angeles 2028 in den Fokus. Kickingers Plan A lautet: Das Ticket über den Mehrkampf der WM 2027 zu ergattern. Plan B: Über die Weltcups. „Es ist seit jeher ein Traum von mir, bei Olympia, der größten Sportbühne der Welt, turnen zu dürfen. Für diesen Traum werde ich weiter Tag für Tag arbeiten“, sagt Kickinger. Die Qualifikation für Paris hatte die Niederösterreicherin nur hauchdünn verpasst.
Der Weg zurück auf die Wettkampfbühne war jedenfalls lang. Doch mit ihrem Comeback in Koper beginnt für Kickinger nun ein neues Kapitel auf dem Weg zurück Richtung Weltspitze und im Bestfall nach Los Angeles.
Text- und Bildquelle: Turnsport Austria






